Kabelmärchen

Solinote

http://www.terryrotter.de/feuerbringer/2013/01/mit-kapitalisten-spricht-man-nicht/

Den großartigste Satz des gesamten Star Trek-Universums spricht die Ex-Borg Seven of Nine/ Annika Henson von der USS Voyager:

"Ich bin ein Individuum!" – Amen, Schwester!

Die Borg sind die logische Endstufe einer altruistischen, kollektivistischen Gesellschaft, die das Wohl Vieler über das Wohl Weniger oder Einzelner stellt (und ja, damit widerspreche ich Spok. Und Hindenburg. Und Hitler. Denkt mal darüber nach.) Ich gehe noch etwas weiter und komme zu dem Schluss: Die Borg sind auch die logische Endstufe dessen, was in Sergej Lukianenkos Wächter-Reihe die Lichten betreiben (irgendwo gibt Geser zu, dass Stalin von den Lichten unterstützt wurde). Interessanter Weise sind sich alle einig: Die Borg sind böse. Ihre Gesellschaftsform ist abzulehnen. Wir treten dem Kollektiv nicht freiwillig bei. Das Kollektiv ist zu bekämpfen.
Außerhalb des bewaffneten Kampfes, in direkter Kommunikation mit der Borg-"Königin" tritt dann aber ein akuter Argumentationsnotstand ein. Denn: Natürlich will sie nur das Beste, für alle: Perfektion aus Harmonie, eine Stimme, ein Wille, ewiger Friede.
Nun wissen wir von Lems Fiasko , dass intelligentes Leben zumindest theoretisch auch als kollektiv operierend denkbar ist. Aber, und das ist das Entscheidende: Die Quintaner sind keine Humanoiden. Im Gegensatz zu den meisten raumfahrenden Spezies bei Star Trek (und die paar nicht-humanoiden funktionieren ebenfalls individuell). Warum ist das so wichtig? – Nun, aus folgendem Grunde: Entscheidend für das Urteil über eine Gesellschaftsform ist, ob sie der Natur der in ihr versammelten Lebewesen gerecht wird. Es liegt in der Natur der Quintaner, als Kollektiv zu leben und nur im Kollektiv dauerhaft erfolgreich überleben zu können. Hingegen liegt es in der Natur der Menschen (und vermutlich aller denkbaren, nicht-total-telepathischen Humanoiden), als Individuen zu leben und nur als Individuen dauerhaft erfolgreich überleben zu können. Der Archetyp des Quintaners ist die Termite: Biologisch und physiologisch so spezialisisert, dass sein Körper und sein Sein auf das Leben im Schwarm als seiner Voraussetzung abgestimmt ist. Der Archetyp des Menschen ist Robinson Crusoe: Biologisch und physiologisch mit so vielfältigen Fähigkeiten ausgestattet, dass er alles, was er zum Leben braucht, selbst, unabhängig vom Rest der Menschheit, erkennen, erschaffen, erreichen kann.
Die Borg nehmen Menschen und passen sie an die Bedingungen der Schwarmexistenz an. Sie verneinen die Natur des Menschen und des menschlichen Lebens.

Warum diese Auslassungen und was hat das mit Kapitalismus zu tun?
Die Antwort auf diese Frage hängt mit der Antwort auf die Frage zusammen, warum Menschen nicht alleine leben, sondern sich in Gesellschaft anderer Menschen begeben und unter welchen Bedingungen dies gelingen kann.
Warum in Gesellschaft? – Weil sie Gelegenheit gibt, den Aufwand für das eigene Überleben zu senken. Unter anderem durch selbst gewählte Spezialisierung auf eine bestimmte Tätigkeit und den Austausch der eigenen Produkte für die Produkte aus der spezialisierten Tätigkeit anderer. Hierdurch werden Zeit und Ressourcen frei, sich um anderes als den konkreten Bedarf zu kümmern: Um Kunst und Kultur, um das Schöne, um das, was nach Empfinden vieler Menschen das Leben erst lebenswert macht, aber nur von sekundärer Priorität sein kann, wenn man sich ständig um das Essen für heute und morgen kümmern muss. – Gesellschaft entlastet von Arbeit, indem sie die Möglichkeit gibt, zutreffend einzuschätzen, wann man für diesen Tag, für diese Woche, genug gearbeitet hat.
Warum man dafür bestimmte Bedingungen braucht? – Um sicherzustellen, selbst nicht ausgenutzt, nicht für die Bedürfnisse anderer aufgeopfert zu werden.
Wie diese Bedingungen aussehen? – Vor gar nicht allzu langer Zeit entwickelten kluge Leute das dazu notwendige Konzept und es dauerte noch ziemlich lange, bis dieses Konzept wenigstens nominell allseits anerkannt wurde: Die Menschenrechte. Oder anders: Das Konzept der Rechte im neueren Sinne. Dieses sieht eine Nichteingriffsgarantie vor: Rechte berechtigen zum unbevormundeten Handeln nach eigenem Gutdünken mit dem, was einem selber gehört. Dazu gehören Symmetrie und Reziprozität. Oder wie Andreas Müller es einmal sinngemäß ausgedrückt hat: "Rechte sind die Sphäre, innerhalb derer Menschen frei handeln können, solange sie nicht gewaltsam in die Sphäre freien Handelns anderer eingreifen."
Alles, was sich also nicht auf das Handeln bezieht und als "Recht" bezeichnet wird, ist entweder ein Anrecht oder ein Vorrecht. Anrechte sind im Gegensatz zu Rechten nicht angeboren, können aber erworben werden im freien und freiwilligen Güteraustausch durch die Zusage des Tauschpartners und die Erbringung der eigenen Zusage. Erfüllt der Partner seine Zusage, ist das eigene Anrecht abgegolten.
Vorrechte, Privilegien, unterdessen entstehen durch willkürliche Setzung als behauptetes Recht, in die Handlungssphäre anderer Leute einzugreifen, ihnen Vorschriften zu machen oder auf ihr Eigentum zuzugreifen. Die Privilegien des Adels wurden nach und nach abgeschafft, und es galt als Fortschritt. Die Privilegien der Kirchen wurden (weitgehend) abgeschafft, und es galt als Fortschritt. Neue Privilegien wurden gesetzt, für andere Gruppen, und kaum jemand, statistisch gesehen niemand, regt sich auf. Dies ist seltsam.

Und was hat das jetzt mit Kapitalismus zu tun???
Alles. Denn: Kapitalismus ist nicht nur eine Wirtschaftsform. Er ist eine, nein: Die Gesellschaftsform, die der Natur des Menschen, ein eigenständiges Individuum zu sein, tatsächlich Rechnung trägt: Man produziert und tauscht die Ergebnisse seiner Arbeit auf freiwilliger Basis zum gegenseitigen Nutzen mit anderen gegen deren Ergebnisse aus, und niemand außer den Geschäftspartnern selbst hat in die Bedingungen des Geschäftes reinzureden (insofern bin ich lieber auf einem Bazar, als in einem Supermarkt, auch wenn der Supermarkt eigentlich bloß die effizientere Form von Bazar ist).
Wenn es am derzeitigen angeblichen Kapitalismus etwas auszusetzen gibt, dann ist es dessen irrationale Regulierung von außen, die den Menschen vormacht, sich nicht selber um ihre Belange kümmern zu müssen, nicht selber Qualität und Bedarf prüfen zu müssen, nicht selbst Verantwortung für die eigenen Geschäfte tragen zu müssen.

"Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, u.s.w., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen."
(Kant: "Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?")

Kapitalismus setzt Aufklärung und Eigenverantwortung – und damit auch: Individualismus voraus. Die wenigen systematischen und brauchbaren Vertreter des Kapitalismus sind Verteidiger der Menschheit, der Menschen, des Menschen, Deine und meine Verteidiger gegen die sehr schlechte Idee, als müsse man sich als Mensch schlechthin blind irgendeiner anonymen (aber letztlich auch wieder menschlichen!) Autorität unterwerfen.

Insofern ist Andreas' Beobachtung sehr beunruhigend, dass vom Kapitalismus primär schlecht gesprochen wird, dass "die Kapitalisten" als Gruppe Grauer Eminenzen besprochen werden, dass kaum mal ein Kapitalist selbst mit einem substantiellen Beitrag zu Worte kommt. Systematisch indessen kann es nicht verwundern: Es entspricht kollektivistischer Denke, Kapitalisten nicht als Individuen zu behandeln und nicht als Individuen sprechen zu lassen (wohl aber Vertreter schlimmerer Spielarten des Kollektivismus; Stichwort "NPD" )

Aber dies ist eine Fehlentwicklung und also solche ist ihr Widerstand zu leisten. Denn: "Die kleinste Minderheit jeder Gesellschaft ist das Individuum" (Ayn Rand)

29.1.13 13:52

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